Canon EOS R. Warum ich sie mir nicht kaufe.

Warten auf Canons spiegellose Vollformatkamera – und dann das…

Seit ungefähr vier Jahren ist mir klar, dass die Zukunft auch bei professionellen Kamerasystemen in der spiegellosen Digitalkamera liegt.

Bei der steigenden Qualität elektronischer Sucher, der immer besser werdenden AF-Funktion des Sensors, vielen Vorteilen im Bereich Video war klar, dass auch irgendwann auch traditionellen Platzhirsche bei den Vollformat-DSLRs Nikon und Canon bald auf den Spiegel verzichten würden.

So begann für mich die Zeit des Wartens auf Canon…

Seit 2002 fotografiere ich mit Canon DSLR-Kameras. 20D, 300D, 5D, 5D Mark II, 7D, 5D Mark III. Viele Jahre war ich sehr zufrieden: Zuverlässigkeit, Bildqualität und Bedienung waren zeitgemäß.

Meine Arbeitstiere waren in den letzten Jahren immer Vollformatkameras, wegen des schönen Bokehs bei Vollformat und den Qualitätsvorteilen hinsichtlich des Rauschens bei hohen ISO-Werten.

Spiegellose Digitalkameras guckte ich mir von Zeit zu Zeit an, waren aber lange Zeit kein Thema für mich: die elektronischen Sucher waren zu schlecht, die Batterielaufzeit war nicht ausreichend.

Aber über die Jahre nervten bei der Fahrradtour am Wochenende und im Familienurlaub irgendwann Gewicht und schiere Größe der „Dicken“. Und 2015 lernte ich auf einem Fotowalk den Streetfotografen Thomas Leuthard kennen, wodurch meine alte Leidenschaft der Streetfotografie reaktiviert wurde. Auch für dieses „Genre“ vermisste ich eine dezentere, kleinere Kamera, geräuschloses Auslösen und ein klappbares Display für (unbemerkte) Aufnahmen aus niedrigen Standpunkte.

Ich gucke mich dann 2016 auf dem Markt um, testete verschiedene Modelle. Hängen blieb ich bei der Olympus PEN-F, was wohl auch daran lag, dass ich drei Jahre lang für das Produktmanagement des Leica M-System bei Leica zuständig war, und die PEN-F sich an die Tradition der Messsucherkameras anlehnte… Und letztlich hat die Panasonic Lumix G9 mein Herz im Sturm erobert: Für mich die beste MFT-Kamera für engagierte Fotografen. Mittlerweile zählen sechs MFT-Objektive mit Brennweiten von 24 bis 420mm (Kleinbild) zum Bestand, und ich genieße das niedrige Gewicht einer MFT-Ausrüstung besonders auf Reisen mit der Familie und bei Streifzügen durch die Stadt.

MFT – was ich vermisse!

Eigentlich sind es nur fünf Punkte, die mich immer wieder zur Canon greifen lassen, und die ich mir von einer spiegellosen Vollformatkamera zusätzlich zu den Features der Panasonic G9 wünsche:

  • Bokeh: Ich muss gestehen, dass ich mal wieder auf dem Bokeh-Trip bin! Freistellen eines Motives durch offene Blende bei lichtstarken Objektiven ist einfach geil. Und trotz der wunderbaren hochlichtstarken MFT-Objektive von Panasonic und Olympus ist da doch ein sichtbarer Unterschied zu einer Vollformat-Kamera mit einem 1.4/85 oder einem 2/135….
  • Rauschen bei hohen ISO-Werten: Hier merke ich oft die Unterschiede zwischen MFT und Vollformat. Obwohl die 5D Mark III technologisch schon einige Jahre auf dem Buckel hat, hat sie doch deutlich hinsichtlich des Rauschverhaltens die Nase gegenüber der G9 vorne. Bei der G9 muss man schon ab 800 ISO, spätestens ab 1.600 ISO deutlich an der Rauschreduzierung in Lightroom rumschrauben, bei der 5D III ist auch bei 3.200 ISO noch Entspannung angesagt. Hochzeitsfotos ohne Blitz in einer schlecht beleuchteten Kirche? Fehlanzeige!
  • Höhere Auflösung und mehr Dynamikumfang: Um etwas mehr Reserven für Crops zu haben, bei gutem Kompromiss zwischen Pixelgröße / Rauschen zu Auflösung wäre wohl 30 Megapixel heute der beste Kompromiss. Und gelegentlich schiele ich neidisch zu den neuen Sony-Sensoren mit besserem Dynamikbereich als bei meiner Canon: Zu schnell rauscht es in den Tiefen, wenn man die Schatten mal „hochziehen“ muss.
  • Tethering-Integration in Lightroom. Ich fotografiere im Studio direkt per USB in den Rechner hinein. Das erlaubt schnelle Bildkontrolle für mein Model und mich.
  • 3:2 Format: Ich fotografiere zu 99.9% im Querformat, und in vielen Fällen wäre mir das klassische 3:2 Format für meinen Bildaufbau lieber.

Und jetzt kommt die langersehnte Canon – und enttäuscht.

Seit langem wächst also der Wunsch nach einem perfekten Werkzeug, dass mir den Übergang von DSLR zu DSLM-Vollformat ermöglicht. Ich habe zehn Objektive mit Canon-Bajonett, und ein kompletter Systemwechsel scheidet aus Kostengründen aus. Eine sanfte Migration von DSLR- (Digital Single Lens Reflex) zu DSLM-Kamera (Digital Single Lens Mirrorless) ist der Wunsch: Verwendung meiner sehr guten EF-Objektive, so lange es Sinn macht, an einem neuen, zeitgemäßen Gehäuse.

Nachdem ich die Hoffnung für 2018 schon fast aufgegeben hatte, wurde das gut gehütete Geheimnis von Canon doch vor wenigen Tagen gelüftet: Die Canon EOS R erblickte das Licht der Öffentlichkeit.

EOS R Features: Auf dem Papier gut!

Nikon hatte wenige Tage zuvor die DSLM-Modelle Nikon Z6 und Z7 vorgestellt: Mit wenigen Abstrichen kann man sagen: Erwartbare Features. Leistungsmerkmale ja, aber wenig Begeisterungsmerkmale.

Dann kamen die ersten Gerüchte, dass auch Canon eine Spiegellose bringt, erste Specs tauchten auf, und dann wurde sie offiziell am September vorgestellt: die Canon EOS R.

Die technischen Eigenschaften scheinen vernünftig:

  • Vollformat mit 30,3 Megapixel
  • 8 Bilder/Sekunde
  • WLAN & Bluetooth
  • Mikro- und Kopfhöreranschluss
  • Videofunktionen verbessert – Dualpixel-Technik
  • USB 3.1 / USB C
  • LP-E6 (N) Akkus – kompatibel zu meiner 5D III
  • Adapter für meine Vollformat-EF-Objektive

Die Ernüchterung: Canon EOS R never ever!

Auf der photokina 2018 hatte ich die CANON EOS R in der Hand und habe sie getestet. Kalte Dusche.

Hier die Punkte, die für mich gar nicht gehen:

  1. Fehlender „Joystick“: Die Produktpolitik bei Canon ist hier voll nach hinten losgegangen. Während bei den EOS 7er und 5er-Modellen seit Jahren ein „Joystick“ (genannt „Multi-Controller“) u.a. für das Verschieben des Fokuspunktes verantwortlich war, wurde bei der R darauf verzichtet. Jeder Fotograf, der von diesen Modellen kommt, wird den Stick vermissen.
    Canon hat die Kritik wohl geahnt, und das Verschieben des AF-Punkts via rechter oberer Ecke im Display optional umgesetzt – aber das ist Murks, wie unisono alle Tester berichten.
  2. Nur ein SD-Kartenslot. Auch wenn das Risiko in der Praxis gering ist, dass eine Speicherkarte den Dienst quittiert: Es kommt vor!
    Das mag für Hobbyfotografen zu verschmerzen sein, aber für Profis, die mit der Fotografie ihr Geld verdienen, kann das schlimm sein. Zum Beispiel bei Hochzeitsfotografie gibt es keine zweite Chance – hier sind die Aufnahmen nur einmal möglich. Erst vor wenigen Wochen ist auf einer Hochzeit ein Karten-Error aufgetreten – und ich war heilfroh, dass ich auf zwei Karten gespeichert habe (5D Mark III mit CF- und SD-Karten).
  3. Die Bedienung und Ergonomie in Summe:
    Nach 14 Nutzungsjahren von Canon DSLRs macht Canon den Umstieg schwer, Nikon zeigt, wie es besser geht. Auch wenn der zusätzliche Ring am Objektiv sicher eine clevere Idee ist: dieses Feature kann die veränderten Bedienelemente nicht wett machen.

Diese drei Punkte mögen – rein quantitativ – im Vergleich zu den vielen neuen „Tech-Features“ der Kamera wenig erscheinen, aber am Ende dreht sich für mich alles darum, ob ich die Kamera schnellstmöglich bedienen kann, und in jeder Situation unmittelbar „schussbereit“ bin.

Bedienbarkeit ist Prio 1!

Wer länger fotografiert und die vielfältigen Einstellmöglichkeiten einer modernen Kamera einzusetzen weiß, wird immer stärker den Wunsch verspüren, schnellstmöglich auch die diversen Funktionen und Einstellungen verändern zu können.

Die Ergonomie rückt stärker bei der Wahl der Kamera in den Vordergrund, je mehr Action-, Sport-, Personen-, Tierfotografie Teil des fotografischen Spektrums ist. Bei diesen Genres ist es oft viel entscheidender, schnell den richtigen AF-Modus zu finden, schnell das AF-Feld auf den richtigen Punkt zu legen, schnell die Belichtungseinstellungen zu ändern.

Einen schnellen Autofokus haben heute nahezu alle Kameras. Gesichtserkennung ist heutzutage auf einem erfreulich hohen Niveau. Aber bei nicht alltäglichen Motiven kommt die „Intelligenz“ der Kameras immer noch oft an ihre Grenzen. Was nützt dann der schnellste Autofokus, wenn man den AF-Punkt nicht schnell genug präzise auf das Motiv manövrieren kann? Wenn man nicht schnell zwischen den diversen Kernfunktionen wie Belichtungsmodus, AF-Modus, ISO-Einstellung etc. umschalten kann oder die Belichtungskorrektur nicht sofort erreichbar ist (ohne vorher noch eine weitere Taste drücken zu müssen).

Und last not least: Die Kamera muss gut in der Hand liegen. Ein ergonomischer Griff, gut erreichbare (und erfühlbare) Tasten, Einstellräder die sich weder zu leicht noch zu schwer verstellen lassen. Die Summe all dieser Features macht eine gute Kamera aus.

Und schon zwanzig Minuten mit der „R“ haben mir gezeigt, dass ich mit dieser Kamera nie glücklich sein werde!

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Canon EOS R

Nikon Z6

Panasonic LUMIX DC-G9

Olympus PEN-F